Sucht ist entartetes Begehren

Veröffentlicht auf von Verena

Begehren - Lust - Genuss - Dies sind die wunderbaren Seiten des Essens. Wann schmeckt es am besten? Nach einer Bergtour, wenn man richtig ausgepowert ist, nach körperlicher Anstrengung: Echter Knast.

Ein wunderbares Gefühl, wenn einem mal wieder echt und wirklich das Wasser im Mund zusammenläuft, beim Duft von frischem Brot und Rührei, oder verführerischem Salat oder einem knack-frischen Apfel.

O.K. Wir erinnern uns. Wann habe ich die letzte Bergtour gemacht?

"Seine extremste Ausprägung findet der Drang nach Mehr in der Sucht. Denn Alkohol, Zigaretten, Heroin und jede andere Droge setzen im Gehirn
Dopamin in rauen Mengen frei. Das versetzt uns in angeregte Stimmung bis hin zur Euphorie. ...

... Wer eine Droge jedoch regelmässig genießt, braucht immer mehr davon. Denn ihre Wirkung lässt nach, das Gehirn stumpft ab. Bald geht es nicht mehr um Hochgefühle, sondern darum, wenigstens eine normale Stimmung zu erleben. Irgendwann kann dem Nikotinabhängigen selbst Kettenrauchen oder dem Alkoholiker Wodka zum Frühstück keine gute Laune mehr verschaffen.
Jetzt erhält nur noch die Programmierung des Gehirns auf die Droge die Sucht aufrecht, nicht etwa der Spaß am Trinken oder am Rauchen.
Zu Recht mahnt also das Sprichwort:"Vorfreude ist die schönste Freude." Dem Begehren blindlings nachzugeben kann uns ins Unglück stürzen oder zumindest eine innere Leere hinterlassen. Dennoch ist es möglich, das Prickeln der Vorfreude auszukosten, ohne dem fatalen Drang nach Mehr zu erliegen. Dazu müssen wir allerdings raffiniert vorgehen - mehr dazu später."*1

Meine These ist, dass übermässiges Essen, oder auch der Genuss ungesunder Lebensmittel in zu großen Mengen, ebenfalls zu Dopamin-Ausschüttungen im Gehirn führt. Menschen, die leicht süchtig auf Dopamin reagieren, verwandeln die lebensnotwendige Nahrungsaufnahme in
suchtartige Essstörungen. Wenn extremes Essverhalten beim ersten Mal zu Dopamin-Ausschüttungen geführt hat, tritt auch hier im Laufe der Zeit eine Abstumpfung des Körpers ein, die Dosen müssen erhöht werden. Das klingt jetzt vielleicht etwas abgehoben, aber ich habe ein einfaches Beispiel aus meiner eigenen Kindheit:


In den Ferien war es für meine Cousine und mich der Gipfel des Genusses, wenn wir uns von
unserem Taschengeld etwas Süßes kaufen durften: Marzipan oder eine Tafel Schokolade. Wir
verbrachten unglaublich viel Zeit damit, die Süßigkeiten in kleinsten Mengen zu geniessen.
Spiel und Genuss verschmolzen und wir hatten eine wunderbare Zeit.


Um in späteren Jahren ein vergleichbares Wohlbefinden zu erlangen, genügte es mir schnell nicht mehr eine Tafel Schokolade zu kaufen und an dieser dann eine Woche lang herum zu nagen. Mittlerweile brauche ich für 100 g Schokolade nur noch ein paar Minuten und der
Dopamin-Kick ist auch nicht mehr derselbe.


Ein anderes Beispiel, quasi umgekehrt, habe ich auch selbst erlebt: Nach einer einwöchigen
Fastenkur ist der Genuss eines Apfels unvergleichlich. Die Aromen, Frische und Knackigkeit der Frucht wirken geradezu berauschend. Ein zufriedenes Sättigungsgefühl setzt im Körper schon nach kleinen Portionen ein. Mein Eindruck war, dass mein Magen geradezu geschrumpft ist, als ich dem Essen für eine Weile gänzlich entsagt habe. Allmählich wurden die Portionen wieder größer und nach und nach kehrte ich zu meinen alten, teilweise ungesunden Essgewohnheiten zurück. Schade eigentlich.




*1 Die Überschrift für meinen heutigen Beitrag stammt aus dem Buch "Einfach glücklich" von Stefan Klein. (rororo Taschenbuch ISBN 3-499-61677-7). Ich habe Seite 47 f. zitiert. Stefan Klein ist der Autor des Stern Artikels zum Thema Sucht, aus dem ich bereits in meinem Eintrag zu 
Sucht und Essen berichtet habe.  
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